Die Open-Source-Tomate

Bild: Die Open-Source-Tomate

Frei oder unfrei?

Saatgut und Software könnten kaum verschiedener sein. Saatgut ist analog, Software ist digital. Saatgut begleitet die Menschheitsgeschichte bereits sehr lange, Software ist geschichtlich noch jung. Saatgut kommt aus der Natur, Software entstammt der menschlichen Kultur. Was also haben z.B. Tomaten und Software gemeinsam?

Beide können Frei oder unfrei sein. Sie können entweder als Privateigentum oder Gemeingut bereitgestellt und genutzt werden. Damit unterscheiden sich unfreies Saatgut und proprietäre / unfreie Software von Freiem Saatgut und Freier Software in ihrem Kern in der Regelung des Eigentums. Diese Eigentumsregelung drückt sich stark durch die jeweilige Lizenz aus mit der das Saatgut bzw. die Software belegt sind.

Unfreies Saatgut und unfreie Software verbleiben im Eigentum der Softwarehersteller respektive der Züchter und werden den Nutzerinnen und Nutzern mit sehr eingeschränkten Rechten zur Verfügung gestellt. Dies betrifft beispielsweise die Aussaat von selbst geerntetem Saatgut oder eine Anpassung von gekaufter Software an die eigenen Bedürfnisse. Zudem wird unfreies Saatgut biologisch und unfreie Software technisch i.d.R. auf eine Weise am Markt bereitgestellt, die eine Nachzüchtung von Saatgut oder eine Weiterentwicklung von Software unterbindet.

Hingegen sind Freies Saatgut und Freie Software tatsächlich frei, d.h. das genetische Erbgut einer Pflanze bzw. der Quelltext einer Software sind eigentumsrechtlich auf niemanden eingeschränkt, womit sie Gemeingut sind und allen gehören.

Unfreies Saatgut – eine kurze Einführung

Unser Gemüse keimt heutzutage in der Regel von sog. Hybridsaatgut. Was ist Hybrid? Für Hybridzüchtungen werden bestimmte Merkmale einer Pflanze durch Kreuzung von Inzuchtlinien verstärkt. Ein gewünschter Effekt ist, dass die erste Generation überdurchschnittlich gute Ertragsergebnisse liefert. Die Kehrseite ist, dass das aus der Ernte gewonnene Saatgut von den Landwirten nicht verwendet werden kann (und teilweise aufgrund von eigentumsrechtlichen Lizenzbestimmungen auch nicht darf), weil es seine Homogenität verliert. Das bedeutet, dass Sorteneigenschaften wie Pflanzengröße, Form und Farbe der Früchte uneinheitlich ausgebildet werden. Manche Pflanzen würden z.B. sehr groß, andere sehr klein. Zum Teil sind Hybride auch steril, was bedeutet, dass sie sich nicht fortpflanzen können. In der Folge muss Saatgut erneut vom Saatgutproduzenten erworben werden, um zur nächsten Ernte gesunde, einheitliche Früchte zu bekommen. Auf diese Weise entsteht eine Abhängigkeit von Landwirten zu den Saatgutproduzenten. Die Alternative zu Hybridsaatgut ist samenfestes Saatgut (weitere Infos zur Unterscheidung von Hybrid- und samenfestem Saatgut wurden von Do-FOSS hier zusammengestellt). Darüber hinaus können die eigentumsrechtlichen Lizenzbestimmungen für den Umgang mit Saatgut freiheitsgewährend oder freiheitsbeschränkend sein.

Eine Freie Tomate – dank Open-Source-Lizenz

Zum Beispiel die Tomatensorte Sunviva ist eine klare Absage an Hybridsaatgut. Sie ist aber nicht nur aufgrund ihrer Samenfestigkeit, sondern in besonderer Weise auch wegen ihrer rechtlichen Eigenschaften ein wesentlicher Baustein für eine selbstbestimmte Landwirtschaft. Denn nach ihrer Züchtung wurde die Tomatensorte unter eine Open-Source-Saatgutlizenz gestellt. Es gibt drei einfache Regeln für die Open-Source-Pflanze, welche die Landwirtschaft frei von rechtlichen Abhängigkeiten halten, insbesondere frei von der Abhängigkeit zu Saatgutproduzenten:

Logo: OpenSourceSeeds

Logo: OpenSourceSeeds (© OpenSourceSeeds – AGRECOL)

  • Regel 1: Jeder darf das Saatgut frei nutzen, es vermehren, weiterentwickeln, züchterisch bearbeiten und es im Rahmen bestehender Gesetze weitergeben.
  • Regel 2: Niemand darf das Saatgut und seine Weiterentwicklungen mit geistigen Eigentumsrechten wie Patenten belegen.
  • Regel 3: Jeder Empfänger überträgt zukünftigen Nutzern des Saatguts und seinen Weiterentwicklungen die gleichen Rechte und Pflichten.

Diese Rechte und Pflichten werden im Weiteren durch die Open-Source-Saatgut-Lizenz geregelt, welche von OpenSourceSeeds erstellt wurde. (vgl. die vier Freiheiten Freier Software gem. der Free Software Foundation Europe).

Dr. Johannes Kotschi von AGRECOL hat die europäische Initiative OpenSourceSeeds gemeinsam mit anderen ins Leben gerufen. Do-FOSS freut sich, dass er bereits im November 2016 mit seinem Vortrag Teile das Brot – teile das Saatgut in der Pauluskirche zu Gast war, um die Notwendigkeit und die Möglichkeiten von Saatgut als Gemeingut vorzustellen. Der Vortrag stellte heraus wie Nutzungsregeln gestaltet werden können, um ein Gut als Gemeingut zu erhalten. Open-Source zum Schutz gemeinnütziger Pflanzenzüchtung! Im Frühjahr 2017 wurde die damals neu gezüchtete Tomate Sunviva dann als Open-Source lizensierte Pflanze der Öffentlichkeit vorgestellt. Dank der Open-Source-Lizenz ist und bleibt die Tomatensorte Sunviva Gemeingut. Denn nicht nur das Saatgut selbst, sondern alle seine Vermehrungen und Weiterentwicklungen fallen unter die Lizenz. Auf diese Weise ergibt sich eine Kette von Verträgen, die vielfach verästelt sein kann. Lizenznehmer werden zu Lizenzgebern. Die Lizenz schafft eine Alternative zum privaten Saatgutsektor. (vgl. Kotschi)

Mehr zu Open-Source-Saatgut gibt es aktuell auf der Aktionsseite der Heinrich Böll Stiftung Vielfalt statt Macht – Saatgut ist Gemeingut. Do-FOSS hat es sich nicht nehmen lassen auch an der Aktion teilzunehmen und hat Open-Source-Tomatensaatgut bestellt, welches in den nächsten Tagen von der Solidarischen Landwirtschaft Dortmund gepflanzt werden wird. Do-FOSS freut sich bereits auf die ersten Open-Source-Tomaten.

Fazit

Was lässt sich von diesen Beobachtugen am Saatgutmarkt für den Softwaremarkt übertragen?

Ein ähnlicher Effekt wie im Hybridsaatgutmarkt lässt sich im proprietären (herstellerspezifischen) Softwaremarkt beobachten. Auch hier gibt es eine gezielte Herbeiführung von Herstellerabhängigkeit durch das Verbot der Weitergabe und Weiterentwicklung von Software. Die Auswirkungen dieser Abhängigkeitsstruktur auf unsere digitale Selbstbestimmung sind ebenso vielschichtig wie die Auswirkungen von Hybridsaatgut auf unsere Ernährungssouveränität. Mehr hierzu im Veranstaltungsrückblick: Der digitale Lebensraum – Wer bestimmt?.

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