Do-FOSS begleitet Thementisch zu Gemeinwohlorientierter Software beim GLS Bank Jahrestreffen

World Cafe

Wie vor kurzem angekündigt, wurde auf dem 40. Jahrestreffen der GLS Bank im Rahmen eines World-Café ein Thementisch zu Freier und Quelloffener Software (kurz FOSS) angeboten. Zusammen mit Michael Stehmann, dem Koordinator des Fellowships Düsseldorf der FSFE (dessen Bericht findet sich hier), und Ingo Wichmann, dem Geschäftsführer des Linuxhotels, waren wir beim gut besuchten Thementisch mit dabei. Hier wollen wir einige Diskussionsbeiträge wiedergeben.

Einführung in FOSS

Eine Vielzahl von Besucherinnen und Besuchern hatte sich mit FOSS vor ihrer Teilnahme am Thementisch nur am Rande beschäftigt. Deshalb wurde zunächst viel über die grundsätzliche Abgrenzung von proprietärer Software, die Freiheiten von FOSS und ihre Bezugswege gesprochen. Am Samstag standen außerdem mehrere Laptops des Linux-Hotels zur Verfügung, um FOSS direkt vor Ort auszuprobieren.

Gemeinwohlorientierte Software

Gemeinwohl bezeichnet den gemeinsamen Nutzen in einem Gemeinwesen. Doch was hat FOSS mit dem Gemeinwohl zu tun? Auf diese Frage gab es im Rahmen des Thementisches zwei Antworten.

Zum einen entfaltet Software, welche für jede Person ohne Einschränkungen nutzbar und veränderbar ist den größten Nutzen für die Gemeinschaft und beugt Partikularinteressen vor. Zum anderen kann Software gemeinwohlorientierte Prozesse unterstützen, hinter denen oftmals keine finanzstarke Gruppe steht, die in ein Programm investieren kann.

Als Beispiel hierfür konnte die Software OpenSlides ausprobiert werden. „OpenSlides ist ein freies, webbasiertes Präsentations- und Versammlungssystem zur Darstellung und Steuerung von Tagesordnung, Anträgen und Wahlen einer Veranstaltung“ (Quelle) und eignet sich daher gut, um demokratische Versammlungen zu unterstützen.

Abhängigkeiten durch FOSS minimieren

Wolrd Cafe Diskussion

Neben der Kostenabhängigkeit von proprietärer Software durch den sogenannten Vendor-Lock-in-Effekt, also der Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller, fand vor allem eine Auseinandersetzung mit der funktionalen Abhängigkeit von Herstellern statt.

Hierbei führte eine Diskussionsteilnehmerin das Beispiel an, dass eine auf breiter Basis im Gesundheitswesen verwendete, proprietäre Software den Datenschutzanforderungen nicht genüge. Der Hersteller der Software weigere sich mit Verweis auf technische Umstände, die Software datenschutzkonform zu gestalten. Aufgrund der Abhängigkeit bliebe die Software aber weiterhin im Einsatz. Bei der Verwendung von FOSS wäre es hingegen möglich gewesen, die Software unabhängig begutachten oder die Funktionalität durch einen anderen Hersteller nachrüsten zu lassen.

(Einen Einstieg in das Thema Datenschutz im Gesundheitswesen bietet z.B. das ISDSG oder exemplarisch dieser Beitrag von Peter Schaar, dem damaligen Bundesbeauftragten für Datenschutz.)

Software oder Produkt?

Auch die Verbreitung von FOSS wurde diskutiert. So wurde herausgestellt, dass FOSS in vielen Fällen als Software zur Verfügung steht, die Software aber nicht als Produkt angeboten würde. Im Gegensatz zu einer Software, welche die reine Funktionalität bereitstellt, konzentriert sich ein Produkt stärker auf die Endkundenbindung (z.B. durch Anwender-Support oder rechtliche Garantien) sowie Verbreitung (z.B. durch Werbung) und versucht daher eventuell auch Einstiegshürden zu reduzieren.

Für die Verbreitung von FOSS ist es daher aus Sicht einiger Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer notwendig, diese als Produkt zu vertreiben.

FOSS in der öffentlichen Verwaltung

Als zentraler Problembereich in Bezug auf die Verwendung von FOSS in der öffentlichen Verwaltung wurde die Ausschreibungsneutralität herausgearbeitet. Ein Ausschreibungsverfahren sollte dem Zweck dienen, die beste Lösung für ein Problem zu einem guten Preis zu erhalten. Häufig werden Ausschreibungen jedoch so eng gefasst, dass die Herstellerneutralität nicht gewahrt wird und sich Monopole herausbilden können.

Zudem werden die Vorteile von FOSS in Bezug auf Folgekosten, Steuerungsfähigkeit und Unabhängigkeit in dem Verfahren häufig nicht berücksichtigt. Die Teilnehmerinnen und -teilnehmer der Diskussion waren sich einig, dass im Falle von tatsächlicher Herstellerneutralität, FOSS in den meisten Fällen zu bevorzugen ist.

In Bezug auf Migrationen von proprietärer Software zu FOSS wurde die Problematik diskutiert, dass derzeit vielen EDV-Anbietern das notwendige Know-How fehlt. Daher wurde vorgeschlagen bei Migrationen schrittweise vorzugehen und mit der Back-End-Infrastruktur anzufangen, also den Softwareteilen die den Benutzerinnen und Benutzern unsichtbar sind, da diese üblicherweise weniger starke Änderungen für die Anwenderinnen und Anwender bedeutet und dadurch weniger Akzeptanzkonflikte birgt.

Update (27.09.2014)

Die GLS Bank erwähnt Do-FOSS in ihrem Rückblick auf die 40-Jahr-Feier:

Worldcafé: Gemeinwohlorientierte Software
Im Worldcafé diskutierten Fachleute und Interessierte die Themen „Gesellschaft 2.0“ und „Freie und quelloffene Software“ (FOSS). Vertreter der Initiative Do-FOSS haben auf Ihrem Blog einige Beiträge zusammengefasst.

Das freut uns natürlich.

CC0
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5 Kommentare zu „Rückblick auf die Jahresversammlung der GLS Bank

  1. Pingback: Die FSFE beim Jubiläum der GLS-Bank « stehmann’s blog

  2. Freie Software als Produkt

    Freie Software wird schon als Produkt angeboten. Beispiele hierfür sich der Firefox, Apache OpenOffice und LibreOffice, Thunderbird, u.a.. Auch GNU/Linux-Distributioonen bieten neben Live-DVDs (zum Ausprobieren) auch Installationsmedien an.
    Das Problem scheint mir, dass Freie Software nicht über die den Leuten bekannten Vertriebswege verbreitet wird (oder allenfalls rudimentär). Man kann sie in der Regel nicht in der Computerabteilung eines Kaufhauses in einem bunten Karton kaufen. Dafür hat Freie Software eigene Distributionssysteme und -wege entwickelt. Diese wiederum sind aber Menschen, die „aus einer anderen Welt kommen“, meist nicht bekannt.
    Ebenso nur „Eingeweihten“ belannt sind meist auch die Unternehmen, die Leistungen rund um Freie Software anbieten. Hierbei handelt es sich oft (es gibt auch Ausnahmen) um kleine und mittelständische Unternehmen.
    Relativ häufig gibt es Freie Software über Beilagen in den Computerzeitschriften. Dort wird sie oft aber nicht als „Freie Software“, sondern als kostenlos angepriesen und daher vom Nutzer auch nicht als „Freie Software“ wahrgenommen.
    Veranstaltungen wie die, über die hier berichtet wurde, sind ein guter Weg diese „Wissenslücken“ zu schließen und die Aufmerksamkeit der „Normalnutzer“ auf Freie Software zu lenken.

    .

    • Oft fehlt es auch einfach an der richtigen Präsentation oder Nutzung durch .

      Ich habe schon öfter bei Bekannten gesehen das sie bei jedem Netzwerk bei dem man etwas teilen kann mitmachen wollen.
      Dafür müssen sie diese aber erstmal finden und kennen.

      Selbst Internetauftritte von Personen oder Organisationen die proprietärer Software sehr kritisch gegenüber stehen und die Nutzung von freier Software befürworten, oder sogar fördern wollen, sind immer nur die üblichen google+, facebook und twitter Buttons und Links zu finden.
      Natrülich ist es verständlich das Sie eine möglichst breite Masse erreichen wollen.
      Aber wenn man so gut wie nie über die freien Alternativen „stolpert“ wird man sich auch nie damit beschäftigen.
      Wenn ich 20 Arbeitskollegen (Altersklasse 18 – 39 ) von freier Software erzähle wissen maximum 2 das es sie gibt obwohl 19 von ihnen täglich Computer benutzen.
      Hat man die „freien Kanäle“ endlich mal gefunden sieht man oft das dort kaum Content vorhanden ist und dieser meist auch noch veraltet ist.

      Würden einfach nur parallel zu den Buttons der üblichen Netzwerke auch Links und Buttons zu den freien Varianten gesetzt, diese vielleicht sogar noch als „saubere Alternative“ angezeigt werden, würden die Leute wenigstens mal reinschnuppern.
      Das würde natürlich vorraussetzen das der Inhalt gepflegt wird…

      Andersherum finde ich viele Informationen nur auf nicht freien Netzwerken zu denen ich keine Zugang habe oder die ich nicht nutzen will und bin als Nutzer freier Varianten sozusagen ausgesperrt.
      Vielleicht sollten Vereine und Organisationen die sich direkt mit der Nutzung von freier Software beschäftigen versuchen zumindest bei NGO’s, gemeinnützigen Vereinen und dergleichen einbringen um diese dazu zu bewegen beides anzubieten.

      • Hallo black indigo,

        was Sie ansprechen beschäftigt uns auch gerade. Als politische Initiative würden wir von einer starken Nutzung sozialer Netzwerke sicherlich profitieren. Als Verfechter von Freier Software, Transparenz und Datenschutz sehen wir die üblichen Anbieter aber sehr kritisch.

        Wir haben uns vor zwei Wochen entschlossen, zunächst Twitter einzurichten, um unsere Inhalte auch dort zu verbreiten. Auch die Möglichkeiten beim Video-Hosting (insbesondere mir Bezug auf YouTube) haben wir kürzlich diskutiert. Die Überlegung, in Zukunft noch andere Kanäle zu nutzen, besteht weiterhin.

        Sie sind gerne eingeladen, uns bei der Entscheidung zu unterstützen! Unser Projektmanagement ist öffentlich zugänglich (Link) und im Forum können sie ohne Benutzeraccount posten.

        Viele Grüße

  3. Pingback: Masterplan Digitales Dortmund - Do-FOSS

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