Fragen an das IT-Arbeitsprogramm 2015

Erzwungene Kooperationen

Bild: Erzwungene Kooperationen

Beim Open Office vom 7. Juli 2015 stand u.a. der Begriff kritische Infrastruktur im Vordergrund (vgl. Open Office vom 2. Juni 2015: Fragen zur öffentlichen Informationstechnik). Die Überlegungen für eine gesicherte kritische IT-Infrastruktur der Stadt Dortmund wurden besonders vor dem Hintergrund des aktuellen IT-Arbeitsprogramms 2015 [1] des Dortmunder Systemhaus (dosys.) vom 24. April 2015 diskutiert. Die in der Diskussion aufgeworfenen Fragen und Betrachtungen möchten wir zur Entwicklung der städtischen Softwarediskussion beitragen und werden sie daher für die Mitglieder des Ausschusses für Personal und Organisation zu ihrer nächsten Sitzung am 27.08.2015 zur Kenntnisnahme aufbereiten.

Eine erste Betrachtung des IT-Arbeitsprogramms 2015 formulieren wir entlang der Frage:

Software: Teil kritischer Infrastruktur?

Software: Teil kritischer Infrastruktur?

Die kritische Infrastruktur der öffentlichen Verwaltung besteht aus all jenen Teilen, die für deren Betrieb unverzichtbar sind. Bereits Teilbereiche der Informations- oder Telekommunikationstechnik können der kritischen Infrastruktur zugeordnet werden.

Die Softwarefamilie der Büroanwendungen kann für die Stadt Dortmund beispielhaft als ein solcher kritischer Teilbereich betrachtet werden, da der Einsatz von Büroanwendungssoftware gem. des IT-Arbeitsprogramms 2015 für alle Fachbereiche der Verwaltung erforderlich ist. [2]

Für die Büroanwendungen wurde bis zum 31.08.2014 Microsoft Office in der Version 2003 in allen Fachbereichen der Stadt Dortmund eingesetzt. Seit dem 01.09.2014 werden alle PCs der Verwaltung von Microsoft Office 2003 auf Microsoft Office 2013 bis voraussichtlich zum 31.12.2015 umgestellt. Grund hierfür ist, dass die Wartung und die technische Unterstützung für Microsoft Office 2003 im April 2014 von Microsoft, also herstellerseitig, eingestellt wurden. Als Folge hiervon war es notwendig, die Parallelinstallation von Microsoft Office 2003 und Microsoft Office 2013 zu realisieren, um den laufenden Betrieb der Verwaltung sicherzustellen. [2]

Hierzu fragt Do-FOSS:

  • Welche (Sicherheits-) Risiken sind für die Stadt Dortmund in der Zeit seit April 2014 bis heute durch den Einsatz der nicht mehr gewarteten Software Microsoft Office 2003 entstanden und welche werden bis zum voraussichtlichen Projektende der vollständigen Migration von Microsoft Office 2003 nach Microsoft Office 2013 am 31.12.2015 weiterhin bestehen?
  • Wie hätte es sich auf den Betrieb der Stadtverwaltung ausgewirkt, wenn die Parallelinstallation von Microsoft Office 2003 und Microsoft Office 2013 nicht realisiert worden wäre?

Aufgrund der eingestellten Unterstützung von Microsoft für die Version Office 2003 ist einerseits ein faktischer Wechselzwang zu Lasten der Stadt Dortmund entstanden, um die infrastrukturkritische Büroanwendung aufrecht zu erhalten. Andererseits ist der ungewartete Parallelbetrieb von Microsoft Office 2003 weiterhin notwendig, da dosys. eine „mangelnde Unterstützung der Hersteller bei der Anwendungskopplung“ [2] festgestellt hat. Demnach würden Programme anderer Hersteller Funktionen einbüßen oder funktionsuntüchtig werden, sobald sie die erwartete Office-Version speziell der Firma Microsoft nicht mehr vorfänden.

Dies lässt Do-FOSS weiter fragen:

  • Welchen Einfluss hat die Stadt Dortmund auf die Gestaltung der Schnittstellen zur Anwendungskopplung der von ihr eingesetzten Programme?
  • Ist die gegenwärtige städtische IT-Infrastruktur von der Firma Microsoft dauerhaft abhängig?
  • Ist die gegenwärtige städtische IT-Infrastruktur von Firmen abhängig, deren Produkte auf die Anwendungskopplung mit den Büroanwendungen des Officepakets der Firma Microsoft angewiesen sind?

Die Geschäftsmodelle von Herstellern proprietärer Software – wie der Firma Microsoft – gehen regelmäßig mit einem Wechselzwang oder auch Migrationszwang einher. Dies wurzelt darin, dass Hersteller proprietärer Software ihren Kunden das Recht vorenthalten, den Programmquellcode einzusehen oder zu modifizieren. Da die Stadt Dortmund zum jetzigen Zeitpunkt hauptsächlich proprietäre Software einsetzt, hat dies zur Folge, dass sie nicht selbst über die Dauer und Kopplung der eingesetzten Programme entscheiden kann. Dieser Aspekt findet im IT-Arbeitsprogramm 2015 in verschiedenen Formulierungen wiederholt Ausdruck:

  • „Die technische Unterstützung für das PC-Betriebssystem Windows XP durch Microsoft endete zum April 2014.“ (Anlange 1, lfd. Nr. 1)
  • „Im Juli 2015 stellt Microsoft die Unterstützung und die Wartung für die Versionen Windows Server 2003 ein.“ (Anlange 1, lfd. Nr. 3)
  • „von der Herstellerfirma nicht mehr weiterentwickelt“ (Anlange 1, vgl. lfd. Nr. 7)
  • „Erreichen des Wartungsendes der Software“ (Anlange 1, vgl. lfd. Nr. 13)
  • „Aufgrund der auslaufenden Wartung des Releases SRM 5.0 [SAP] ist ein Wechsel nach SRM 7.02 [SAP] erforderlich.“ (Anlange 1, lfd. Nr. 16)
  • „vom Hersteller nicht mehr weiterentwickelt und gewartet“ (Anlage 1, vgl. lfd. Nr. 22)

Die aus dem proprietären Geschäftsmodell folgende Abhängigkeit von den Herstellern bezüglich der Innovationszyklen und der Produktfortführung lassen Do-FOSS fragen:

  • Welche Bedeutung könnte herstellerunabhängige Software für die kritische städtische IT-Infrastruktur haben?
  • Wie verhältnismäßig ist der fremdbestimmte Migrationszwang durch Hersteller?

Die Migrationszwänge der Hersteller fordern der Stadt Dortmund regelmäßig erhebliche fremdbestimmte Investitionen ab. Die Kosten der Herstellerabhängigkeit der Stadt Dortmund dürfen allerdings nicht auf die Kosten neu anzuschaffender Software reduziert werden. Lt. dosys. werden für die Migration von Microsoft Office 2003 nach Microsoft Office 2013 „insgesamt rund 6.600 Installationen durchgeführt. Technikgestützte Umstiegshilfen und Informationsveranstaltungen [sowie IT-Qualifizierungen] sind wegen erheblicher Änderungen in der Bedienung der Anwendung notwendig und werden von StA 10 [dosys. / heute Fachbereich 10] durchgeführt.“ [2, 3]

Dies lässt Do-FOSS weitergehend fragen:

  • Welche aufwands- und auszahlungswirksamen Auswirkungen hat dieser Migrationszwang auf die Personalkosten?

Diskussion um Herstellerabhängigkeit entwickeln

Um die Betrachtung der Herstellerabhängigkeit der Stadt Dortmund nicht nur auf ein Produkt wie Office von Microsoft zu beschränken, sondern eine allgemeine Bewertung vornehmen zu können, bedarf es einer Auflistung der städtisch verwendeten Software. Hierzu lässt sich auf folgendem Beschluss des Ausschusses für Personal und Organisation (APO) aufbauen:

„In 2013 beauftragte der APO StA 10 ein zentrales Softwareverzeichnis zu erstellen. (…) Anfang 2015 wurden die Anforderungen technisch umgesetzt und das Verzeichnis wird verwaltungsweit eingeführt. Da StA 10 für die meisten Anwendungen die Verfahrensverantwortung trägt, wurde schnellstmöglich mit der Erfassung begonnen. Die IT-Verantwortlichen in den Fachbereichen werden nach einer Einweisung zur Handhabung der Datenbank und zum Regelwerk aufgefordert, ihre Anwendungen zu erfassen.“ Der Aufbau des zentralen Softwareverzeichnisses wird lt. Projektplan am 31. Mai 2016 erfolgt sein. [4]

Mit Blick auf das auslaufende IT-Konzept 2011-2015 und den oben beschriebenen Erfahrungen der Stadt Dortmund mit Herstellerabhängigkeit sowie der Möglichkeit, die Herstellerabhängigkeit mittels des ohnehin erwarteten zentralen Softwareverzeichnisses intensiver zu betrachten, sieht Do-FOSS die Möglichkeit die folgende Analyse im kommenden IT-Konzept 2016-2021 aufzugreifen:

Innerhalb der nächsten Jahre könnte – u.a. im Rahmen einer Risikoanalyse – untersucht werden, inwiefern bzw. wie stark die städtische IT-Infrastruktur von Dritten (Softwareanbietern) abhängig ist. Werden unerwünschte Abhängigkeiten und/oder Risiken festgestellt, soll der schrittweise Umstieg auf Freie Software als Ausweg aus dieser Abhängigkeit genauer untersucht werden.

Das IT-Arbeitsprogramm 2015 des dosys. zum herunterladen

Das IT-Arbeitsprogramm 2015 des dosys. kann (inkl. Anlage) hier heruntergeladen werden.

  1. [1] Übersicht der derzeitigen Leistungen des städtischen IT-Dienstleisters

    Auszug aus dem IT-Konzept der Stadt Dortmund: Arbeitsprogramm 2015, 24.04.2015, S. 2:

    In der Funktion des IT-Dienstleisters bewirtschaftet StA 10 [heute Fachbereich 10] das gesamtstädtische IT-Budget der Stadt Dortmund und stellt den laufenden Betrieb für die Stadt Dortmund sicher.
    Nachfolgend eine Kennzahlenübersicht für den laufenden IT-Betrieb:

    • Betreuung von mehr als 6.600 IT-Büroarbeitsplätzen
    • Begleitung der innerstädtischen Umzüge
    • Vollständige Unterstützung für 110 Dortmunder Schulen
    • Durchführung von über 21.000 Entstörungen bei 35 % Sofortlösungsquote
    • Sicherstellung des Betriebs der Systeminfrastruktur (Rechenzentrum, Technikräume, 900 Server, Speichersysteme, Datennetz und Telekommunikation)
    • Sicherstellung des Betriebs von mehr als 200 Anwendungen
    • Durchführung des Massendrucks für die Steuerbescheide
    • Durchführung des Datenträgeraustausches mit externen Stellen
    • Sicherstellung des Dienstbetriebs durch Rufbereitschaften und Notdienste über die üblichen Dienstzeiten hinaus
    • Beratung der Fachbereiche in IT-Angelegenheiten
  2. [2] IT-Konzept der Stadt Dortmund: Arbeitsprogramm 2015, Anlage 1, lfd. Nr. 2
  3. [3] IT-Konzept der Stadt Dortmund: Arbeitsprogramm 2015, Anlage 1, lfd. Nr. 6
  4. [4] IT-Konzept der Stadt Dortmund: Arbeitsprogramm 2015, Anlage 1, lfd. Nr. 8

Nachtrag: Anschreiben an die Mitglieder des Ausschusses für Personal und Organisation

Das Anschreiben an die Mitglieder des Ausschusses für Personal und Organisation vom 3. August 2015 kann hier heruntergeladen werden.

Nachtrag 2: Bericht des dosys. an den Ausschuss für Personal und Organisation

Der Halbjahresbericht des dosys., der dem Ausschusses für Personal und Organisation zu seiner Sitzung vom 27.08.2015 vorgelegen hat, kann hier heruntergeladen werden. Es handelt sich hierbei um eine, für die Präsentation, überarbeitete Version des IT-Arbeitsprogramms 2015.

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8 Kommentare zu “IT-Konzept der Stadt Dortmund: Arbeitsprogramm 2015

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